Das Selbstreinigungs-Wunder unseres Gehörgangs
In der deutschen Bevölkerung hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass Ohren wie die Zähne oder Haare täglich tiefgreifend von Schmutz befreit werden müssten. Anatomisch betrachtet ist das jedoch ein Trugschluss: Der äußere Gehörgang ist kein passives Rohr, sondern ein hochmodernes, selbstreinigendes Transportsystem.
Die Zellen der Gehörgangshaut wandern – ähnlich wie auf einem Förderband – langsam von innen nach außen. Begleitet von den stetigen Kaubewegungen unseres Unterkiefers beim Sprechen und Essen wird produziertes Ohrenschmalz (medizinisch Cerumen) kontinuierlich in Richtung Ohrmuschel geschoben. Dort angekommen, trocknet es ein und fällt entweder unbemerkt ab oder lässt sich mühelos abwischen.
„Führen Sie niemals Gegenstände in das Ohr ein, die kleiner sind als Ihr eigener Ellbogen.“ Dieses alte medizinische Sprichwort bringt es auf den Punkt: Im Gehörgang selbst hat zu Hause kein Hilfsmittel etwas verloren.
Die vier Säulen der sanften Ohrenhygiene
Fokus auf die Ohrmuschel
Reinigen Sie ausschließlich das sichtbare äußere Ohr. Dazu zählen die Falten der Ohrmuschel, das Ohrläppchen sowie der Bereich direkt hinter dem Ohr. Verwenden Sie lauwarmes Leitungswasser und bei Bedarf eine milde, pH-hautneutrale Waschlotion.
Gründliches, aber sanftes Trocknen
Nach dem Duschen oder Baden sollte die Ohrmuschel vorsichtig mit einem sauberen, weichen Baumwolltuch abgetupft werden. Vermeiden Sie starkes Reiben, um die feine Haut nicht aufzuschürfen.
Wasser ungehindert abfließen lassen
Gelangt beim Haarewaschen Wasser ins Ohr, genügt es meist, den Kopf zur entsprechenden Seite zu neigen und leicht am Ohrläppchen zu zupfen. Dadurch öffnet sich der Gehörgangswinkel, und das Wasser kann ablaufen.
Regelmäßige Handtuch- und Gerätehygiene
Wechseln Sie Handtücher für das Gesicht regelmäßig. Wer In-Ear-Kopfhörer oder Gehörschutzstöpsel trägt, sollte diese Komponenten sauber halten, um keine Keime in das Ohrenumfeld einzutragen.
Was Sie zu Hause niemals tun sollten
- Ohrmuschel mit feuchtem Waschlappen waschen
- Hinter dem Ohr sanft trockentupfen
- Cerumen austreten lassen und außen entfernen
- Bei verstopftem Ohr die HNO-Praxis aufsuchen
- Wattestäbchen in den Gehörgang stecken
- Haarnadeln, Büroklammern oder Schlüssel nutzen
- Brennende Ohrkerzen anwenden
- Aggressive Seifen oder Alkohol ins Ohr träufeln
Wann häusliche Pflege an ihre Grenzen stößt
Manche Menschen neigen anatomisch zu engen oder gewundenen Gehörgängen, oder ihre Ceruminaldrüsen produzieren besonders zähes Sekret. In solchen Fällen kann sich trotz vorbildlicher äußerer Hygiene ein Ohrenschmalzpfropf bilden. Versuchen Sie in dieser Situation keinesfalls, mit Spülbällen oder spitzen Gegenständen selbst Hand anzulegen. Eine HNO-Ärztin oder ein HNO-Arzt kann das Ohr unter dem Mikroskop schmerzfrei und in wenigen Augenblicken professionell reinigen.
Personen mit bekannter Trommelfellperforation, Paukendrainagen (Paukenröhrchen) oder nach Operationen am Mittelohr müssen jeglichen Wassereintritt und unüberlegte Spülungen streng vermeiden. Halten Sie stets Rücksprache mit Ihrer behandelnden Facharztpraxis.