Das Werbeversprechen vs. physikalische Realität
Ohrkerzen (auch als Hopi-Kerzen bekannt) bestehen meist aus mit Bienenwachs oder Paraffin getränktem Leinenstoff. Die hohle Kerze wird senkrecht in den Gehörgang gestellt und am oberen Ende angezündet. Hersteller behaupten oft, durch den Abbrand entstehe ein Unterdruck (der sogenannte „Kamineffekt“), der Ohrenschmalz und Giftstoffe förmlich aus dem Ohr heraussaugen soll.
Schneidet man die Kerze nach der Anwendung auf, findet sich im Inneren eine gelblich-braune, pulvrige Masse. Befürworter behaupten triumphierend, dies sei das herausgesaugte Ohrenschmalz.
Zahlreiche unabhängige Studien – unter anderem publiziert von HNO-Fachgesellschaften und Verbraucherzentralen – haben das Phänomen untersucht. Das verblüffende Ergebnis: Lässt man eine Ohrkerze frei im Raum abbrennen, ohne dass sie jemals in einem Ohr steckte, sammelt sich im Inneren exakt dieselbe braune Masse. Es handelt sich schlicht um verbranntes Kerzenwachs und Verbrennungsrückstände des Stoffs – nicht um Cerumen!
Reale Gefahren: Warum HNO-Ärzte vehement abraten
Die Anwendung von Ohrkerzen ist nicht nur nutzlos, sondern birgt erhebliche Risiken:
- Heißes Wachs auf dem Trommelfell: Tropft flüssiges Wachs durch die hohle Röhre nach unten, kann es sich direkt auf das Trommelfell legen. Die Entfernung dieses erstarrten Wachses erfordert oft schmerzhafte Eingriffe.
- Schwere Verbrennungen: Verbrennungen der empfindlichen Gehörgangshaut, der Ohrmuschel oder des Gesichts sowie das Entzünden von Kopfhaaren gehören zu den häufigsten Notfallgründen in Kliniken nach Ohrkerzen-Sitzungen.
- Verstopfung und Trommelfellperforation: Wachsreste verkleben den Gehörgang vollständig oder führen durch die enorme Hitzeentwicklung zu Rupturen des Trommelfells.
Weitere fragwürdige Hausmittel im Test
Neben Ohrkerzen kursieren in Online-Videos weitere bedenkliche Praktiken:
1. Wasserstoffperoxid (H2O2) in Eigenregie
Hochdosierte Peroxidlösungen schäumen zwar auf, können jedoch die zarte Gehörgangshaut verätzen und bei unerkannt perforiertem Trommelfell zu schweren Schäden des Mittel- und Innenohrs führen. Spezielle Ohrentropfen auf Peroxidbasis sollten nur nach strenger Indikation und nach ärztlicher Begutachtung genutzt werden.
2. Essig- oder Alkohollösungen ohne ärztliche Anweisung
Zwar nutzen Taucher manchmal verdünnte Essiglösungen gegen Schwimmerohr, jedoch kann eine falsche Mischung starke Schmerzen und Hautschäden hervorrufen. Vor allem bei bereits bestehender Entzündung ist das Einträufeln von Essig extrem schmerzhaft.
3. Heißes Olivenöl oder Knoblauchöl
Das Einträufeln von warmem Speiseöl ist ein traditionelles Hausmittel. Zu heißes Öl führt jedoch sofort zu Verbrennungen. Zudem können unsterile Öle Keime einbringen, die in der feuchten Wärme ideale Wachstumsbedingungen vorfinden.
Bleiben Sie gelassen: Das Ohr reinigt sich am besten selbst. Bei einem tatsächlichen Schmalzpfropf ist der Gang zur HNO-Praxis der schnellste, sicherste und angenehmste Weg zu freiem Hören.